29.08.2015 - Ironman 70.3 in Zell am See/Österreich - Bericht von Michael Wank

Ironman 70.3 Zell am See

Ironman klingt gut, umweht der Begriff vor allem der Mythos seines wohl bekanntesten Rennens auf Hawaii. In erster Linie handelt es sich dabei um ein Wirtschaftsunternehmen, welches zahlreiche Triathlon-Rennen unter der namensgebenden Flagge rund um den Globus veranstaltet. Diese tragen den erklärenden Zusatz 70.3 für die halbe Distanz (in Meilen, sprich 1,9/90/21,1 in km) sowie der Langdistanz (logischerweise die doppelten Strecken). Nur bei diesen Rennen ist es durch außergewöhnliche Leistungen möglich, sich für die WM der jeweiligen Streckenlänge zu qualifizieren. In diesem Jahr wurde die WM auf der Halbdistanz erstmalig außerhalb des amerikanischen Kontinents ausgetragen. Mit Zell am See wurde ein Veranstaltungsort ganz nach meinem Geschmack gefunden, und Norbert Tesch aus den Reihen des SV Hellas, der mich auf dieses Rennen hinwies, fand in mir sehr schnell einen Mitstreiter. BILD

Nach meinem geglückten Langdistanzdebüt im vergangenen Jahr beim Ostseeman hatte ich mir für dieses Jahr zwei Saisonhöhepunkte ausgesucht. Den Two Ocean Marathon in Südafrika konnte ich mit einer Mischung aus Trainingsumfängen des Vorjahres und Last-Minute Long Jogs so gerade noch bewältigen, aber einige Verletzungen behinderten mich eine geraume Zeit vor allem beim Laufen, so dass ich mit reichlich Trainingsrückstand Anlauf auf das zweite Saisonhighlight nahm. Dank des regelmäßigen Schwimmtrainings machte ich an diese Disziplin sehr schnell einen Haken. Radfahren bereitete mir zudem keine Komplikationen und mit der richtigen Dosierung kam ich auch beim Laufen wieder besser in die Gänge, wenngleich es an Tempo mangelte.

BILD So fuhr ich nach Zell in dem Wissen, dass ich diese Mal nicht auf meine Laufstärke vertrauen konnte und stattdessen beim Radfahren versuchen musste, Zeit gut zu machen. Die Wetterprognosen hielten ihr Wort und wir erwischten eine perfekte Sommerwoche mit Sonne und teils mehr als 30 Grad – ideale Bedingungen für mich. Der Ort war rappelvoll mit Teilnehmern aus allen Winkeln des Erdballs, die sich entweder für die WM am Sonntag qualifiziert oder, wie ich, für das Rennen im „Vorprogramm“ am Samstag gemeldet hatten. Die Stimmung war großartig und bei der Rennbesprechung wurde in Anbetracht der rund 2.200 Teilnehmer jedem klar gemacht, dass er sich an die Regeln dieses Sports halten möge, da sonst Verwarnungen, Zeitstrafen oder, schlimmer noch, die Disqualifikation drohte. Kampfrichter aus den USA sind für ihre strenge Regelauslegung bekannt.

Der Vorabend-Check-in ließ die Anspannung steigen. Mein Rad wurde an seinem Standort eingehängt und der Luftdruck in den Reifen vorsichtshalber reduziert, damit ich am nächsten Morgen nicht auf einen Hitze-Platten treffe. Die Wechselbeutel wurden auf die markierten Haken deponiert und ich prägte mir die Laufwege genau ein. Die Wechselzone lag im Fußballstadion neben dem Strandbad und eröffnete einem die gewaltige Dimension dieses Events.

BILD Der Renntag begann mit dem Frühstück um 5 Uhr und der obligatorischen Ungewissheit, ob ich alles bedacht und sämtliche Sachen gepackt hatte. Auf dem Weg zur Wechselzone sah ich in konzentrierte Gesichter und in mir stieg die Vorfreude auf das Rennen. Schnell noch das Rad aufgepumpt, die Radflaschen angebracht und mit Neo, Badekappe und Brille bewaffnet Richtung Schwimmstart. Der Start erfolgte in Wellen mit 5 Minuten Abstand. Meine Altersklasse erhielt aufgrund der Teilnehmerstärke von fast 300 Athleten ihren eigenen Startblock. Nach einem kurzen Einschwimmen ließ man uns in den Startbereich. Die Sonne ging bereits auf, als wir um 7:05 Uhr endlich losgelassen wurden.

Der Zeller See ist ca. 4 km lang und 2 km breit, von exzellenter Wasserqualität und mit 21 Grad angenehm temperiert. Kurzum, ich fühlte mich sehr wohl in diesem Gewässer und nahm sehr zügig meinen Rhythmus auf. Es kam selten zu Kollisionen mit anderen Schwimmern und ich umrundete nach der ersten Hälfte die beiden Wendebojen auf dem Weg zurück Richtung Schwimmausstieg. In vielen anderen Freigewässern habe ich mit Allergieartigen Erscheinungen zu kämpfen und die Schleimhäute in der Nase schwellen an – nicht so in diesem See. Nach für mich passablen 38 Minuten (Zwischenplatzierung 131. AK, 1027. gesamt) entstieg ich dem kühlen Nass und schnappte mir meinen ersten Wechselbeutel, zog mich im Zelt um und schwang mich auf das Rad. Die Größe der Wechselzone kostete mich in Summe rund 10 Minuten meiner Gesamtzeit, ein weiteres Indiz für die Dimension dieser Veranstaltung.

Auf die Radstrecke freute ich mich besonders. Zum einen wegen des beeindruckenden Panoramas zahlreicher 3.000er wie Großglockner, Kitzsteinhorn oder Großvenediger, aber vor allem wegen des bevorstehenden 13 km langen Anstiegs zum Filzensattel auf mehr als 1.200 Meter Höhe, der alleine mehr als 600 Höhenmeter der Strecke beanspruchte. Vorab ging es in zügigem Tempo auf die ersten 20 km und die Sonne sorgte schnell für ansteigende Temperaturen. Ich arbeitete mich schnell nach vorne und erreichte nach knapp einer halben Stunde den Anstieg. Auf den ersten 11 km wechselten sich gemäßigte Steigungen mit kurzen, fast flacheren Passagen ab. Das Panorama war umwerfend! In Dienten kam der gefürchtete Schlussanstieg. Auf fast 2 km ging es mit 14% bergan und etliche Fahrer stiegen entweder vom Rad oder riskierten bei erstaunlich geringer Geschwindigkeit, schlichtweg umzufallen. Hier kamen mir die Trainingshöhenmeter zugute und auf dem Filzensattel entfuhr mir ein Jubelschrei. Direkt im Anschluss ging es rasant bergab. Auf dem 15%igen Gefällstück fuhren viele Mitstreiter sehr verhalten und ich musste höllisch aufpassen, keinen umzufahren. Einige unschöne Stürze hinterließen sichtbare Verletzungen bei den Athleten; es waren zum Glück wenige Ausnahmen. So ging es nach der Abfahrt noch weitere 10 km sanft bergab und die Geschwindigkeit auf diesem Stück betrug im Mittel mehr als 50 km/h. Auf der zweiten Streckenhälfte durchquerten wir für die Region typische Ortschaften wie Mittersil oder Kaprun und fanden mit weiteren 300 HM nur noch wenige Steigungen vor. Meine einzige Pinkelpause wurde mit einem erhobenen Zeigefinger des Wettkampfrichters quittiert, also abklemmen, weiterfahren und keine Stop-and-Go Strafe riskieren. Meine spätere Auswertung ergab, dass ich auf dem Bergstück im Mittel 17 km/h, auf dem Rest der Strecke 39 km/h schnell war. So fuhr ich nach 2:47 sehr unterhaltsamen und schönen Stunden zum zweiten Mal in die Wechselzone (Zwischenstand 76. AK, 537. Gesamt) . Dort konnte ich meine „Abwässer“ regulär im Dixie entsorgen und nach der zweiten Umkleide ging es auf die Laufstrecke.

BILD Mittlerweile strahlte die Sonne bei 27 Grad fast senkrecht vom Himmel, und die Zuschauern schwitzten mit den Athleten um die Wette. Gut gelaunt wählte ich ein solides Angangstempo, doch was war das? Die Beine fühlten sich nicht locker an, die Atmung war unrhythmisch und schon zu Beginn deuteten sich leichte Krämpfe an. Sollte ich erstmalig auf dem Rad zu viele Körner gelassen haben? Ich steuerte die ersten beiden Verpflegungsstellen an und versorgte meinen Körper innerlich und äußerlich, wie ich es bei Hitze schon häufiger getan habe. Die ersten 7 km fühlten sich quälend an und der langgezogene Anstieg vor dem Wendepunkt entlang des Sees saugte mehr Kraft aus den Beinen als mir lieb war. An der nächsten Labestelle (wie der Österreicher sagt) kippte ich nochmal ordentlich Flüssigkeiten in und auf mich und nutzte den abschüssigen Teil auf dem Rückweg nach Zell zur Regeneration. War es dieser Streckenteil oder die einsetzende Wirkung des ersten Gels, aber danach lief es. Endlich bekam ich Zugriff auf die Strecke und ich besann mich auf meine Lauferfahrung und dem Wissen, dass ich mit solchen Situationen umzugehen wusste. Norbert Tesch kam mir derweil mit entschlossenen und kraftvollen Schritten zügig entgegen und ich wünschte ihm alles Gute für den Rest der Strecke. Mir ging es zunehmend besser und ich überholte stetig Mitläufer. Zurück in Zell holte ich mir das zweite Rundenbändchen ab und absolvierte die zweite Hälfte entschlossener und mit einer deutlich besseren Körperspannung. Norbert Tescht begegnete mir zum zweiten Mal und sah immer noch ausgezeichnet aus. Am Ende reichte es für ihn leider nicht zum erhofften Platz auf dem Podest, aber ein 6. Platz in seiner stark besetzten Altersklasse ist wirklich sensationell! Nach 1:43 h Laufzeit bog ich in den Zielkanal ein und überquerte nach 5:18,43 h als 48. meiner Altersklasse und dem 425. Gesamtrang glücklich das Ziel. Mehr war nicht drin und im Vorfeld hatte ich mit einer Platzierung unter den ersten 100 meiner AK geliebäugelt. Was will ich mehr!

BILD Im Ziel traf ich Norbert wieder, der erschöpft, aber sehr zufrieden mit seiner Leistung war. Gemeinsam nahmen wir unsere Medaille und das Finishershirt entgegen und füllten unsere entleerten Speicher mit Pasta, Teilchen und Getränken auf.






Fazit: Eine tolle Veranstaltung in einer traumhaften Umgebung und ein erfolgreicher Wettkampf nach durchwachsenem Saisonstart. Ich bin ich endlich im Triathlon angekommen und kann meine Kräfte auf alle Disziplinen gleichermaßen verteilen. Davor habe ich mich fast ausschließlich auf meine Laufstärke verlassen. Und bei der späteren Siegerehrung und der damit verbundenen Vergabe der WM-Startplätze für das nächste Jahr in Australien kommen einem schon mal kuriose Gedanken...

BILD

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